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Die Plastikkartoffel - Ein Märchen?


Es war einmal ein Königreich, ganz weit weg in einem fernen Land, nicht hier. Eines Tages entdeckte ein Untertan zufällig eine Plastikkartoffel, die täuschend echt aussah, und auch täuschend echt schmeckte. Er probierte sie, und es fielen ihm von den ganzen Chemikalien in der Plastikkartoffel die Haare aus.

Nun war er aber Perückenmacher, und da kam ihm eine Idee. Er ging also zum König und erzählte diesem von seiner Idee.

Der König war begeistert.

Schon am nächsten Tag waren alle echten Kartoffeln im Land (das ganz fern war, nicht hier) verboten und es wurden nur noch die Plastikkartoffeln angeboten. Die meisten Leute merkten den Unterschied nicht (die Kartoffelbauern hatten eine satte Entschädigung bekommen und bauten nun Bonsaibäumchen mit bunten exotischen Früchten an, die sie an ein noch weiter entferntes Land von hier an die reiche Gesellschaft dort gut verkaufen konnten), und wie gesagt, die anderen Leute merkten den Unterschied gar nicht. Schließlich wusste keiner mehr so richtig, dass es überhaupt mal andere Kartoffeln gegeben hatte.

56,6% der Konsumenten fielen allerdings die Haare aus. Darüber freute sich der findige Untertan, der ein reicher Mann wurde. Genauso wie der König, der freute sich auch, denn er hielt 44,4% der Anteile an der Plastikkartoffelfabrik.

Natürlich wurde auch verboten, Kartoffelanbau zu lehren, sowohl privat, als auch an landwirtschaftlichen Universitäten und sonstigen Einrichtungen. Alle jemals bestehenden Unterlagen zur echten Kartoffel wurden verbrannt, ihr Besitz und auch das Lesen von zufällig gefundenen Berichten über die Kartoffel verboten. Schließlich wusste auch an Universitäten niemand mehr von der echten Kartoffel, und die es noch wussten, behielten es für sich, denn sie wollten ja nicht ihren Job verlieren oder sogar im Kerker landen.

Es entstand ein neuer Forschungszweig: Die Forscher wollten etwas gegen den im Land so weit verbreiteten Haarausfall finden. Sie fanden heraus, dass er scheinbar vererbt wird, aber dann doch nicht unbedingt. Es traf seltsamerweise auch selten Leute, in deren Familie es dies gar nie gegeben hatte, und manche blieben verschont, obwohl ihre Eltern und Großeltern kahl waren. Man war sich aber sicher, dass es trotzdem genetisch bedingt sein musste.

Dieser Forschungszweig wurde vom König und dem findigen, nun schwerreichen Untertan würdig "unterstützt". Die Universitäten hießen "königliches Forschungsamt", die Forscher "königliche Volkshaarhelfer". Sie hatten die Ehre, wöchentlich beim König speisen zu dürfen, und von ihren Ergebnissen zu berichten, was sie ungemein stolz machte und ihnen großes Ansehen in der Bevölkerung verschaffte.

Schließlich hatte man ein Gen gefunden, dass verantwortlich zu sein schien, und man veränderte es. Tatsächlich behielten diese Leute dann ihre Haare zeitlebens, aber es wuchs ihnen eine zweite Nase auf der Stirn. Aber wen störte das. Man konnte ja jetzt einen schicken Pony darüber kämmen.

Plötzlich stießen andere Forscher auf eine ganz andere Ursache. Sie fanden heraus, dass der Haarausfall mit der frischen Luft zusammenhing. Leute, die viel an der frischen Luft waren, wie z.B. Bauern, hatten viel seltener Haarausfall als die anderen Leute im Königreich. Der Zusammenhang war so deutlich, über 50%, dass man ganz bestimmt richtig lag. Leute mit Haarausfall wurden fortan Luftlose genannt.

Diese Interpretation hielt sich lange Jahre, bis man schließlich merkte, dass man eigentlich nicht immer, eigentlich nur recht selten, eine Besserung oder gar Verhinderung des Haarausfalls mit Luftbädern erreichen konnte. Aber schon kam ein neuer findiger Forscher und fand die viel wahrscheinlichere Ursache: Es lag an den Schuhen! Leute mit bequemen, möglichst alten, ausgelatschten Schuhen hatten seltener Haarausfall als die Leute mit neuen, engen, womöglich spitzen und unbequemen Schuhen. Das musste es sein!

So ging es alle Jahre weiter, und noch viele, viele Forscher beschäftigten sich mit dem Thema Haarausfall und fanden viele Ursachen und Gründe. Zum Schluss kam man überein, dass es wohl eine Häufung aller möglichen Ursachen plus ein ordentlicher Schuss Zufall sein mussten.

Eines Tages nun fand ein unbescholtener Bürger eine alte Kinderfibel, in der vom Anbau von Kartoffeln die Rede war. Er erkundigte sich bei allen alten Leuten, die er kannte, was das für ein Anbau, was für eine Kartoffel das sei. Diese erzählten ihm Geschichten von der Kartoffel, die ihnen ihre Großmütter erzählt hatten, die es wieder von ihren Großeltern gehört hatten. Er suchte schließlich im ganzen Land nach einer solchen Kartoffel, fand aber keine. Schließlich zog er aus, nach der Kartoffel zu suchen, der echten.

Er kam in ein noch viel, viel ferneres Land, schon gar nicht hier, in dem es nicht nur diese Kartoffel gab, sondern auch viele andere Dinge, die er nicht mehr aus seinem Land kennen konnte. Beispielsweise hatten sie dort ungewöhnliche Dinge wie Meinungsfreiheit, freie Presse, und vor allem - sie hatten die freie Kartoffelwahl (denn auch hierher wurde die Plastikkartoffel exportiert). Ja, hier fand man nicht einmal den Kompletthaarausfall, wie ihn jeder Zweite in seinem Land hatte.

Er ging zurück in sein Land und baute die Kartoffel an, die er heimlich mitgebracht hatte, denn der Besitz war natürlich verboten, auch wenn keiner mehr davon wusste, und verkaufte sie als wäre es eine Plastikkartoffel. Er beobachtete, dass den Leuten nicht mehr die Haare ausfielen, und dass denen, die seine Kartoffeln kauften und aßen, die Haare sogar wieder nachwuchsen.

Schließlich berichtetet er von diesem Land, das er gesehen hatte, und dass er meine, dass es an der "echten Kartoffel " bzw. am Austausch gegen die Plastikkartoffel läge, die Sache mit dem Haarausfall. Seine Nachbarn lernten von ihm, wie man Kartoffeln anbaut, taten es, aßen und verkauften sie ebenfalls. So verbreitete sich die "echte Kartoffel" wieder, der Haarausfall im Königreich nahm zusehends ab. Im gleichen Maße aber hatte die Perückenindustrie schwere Einbußen.

Irgendwann kam das Ganze dem findigen Untertan zu Ohren, der mittlerweile der reichste Mann des Landes geworden war. Sofort schickte er Häscher aus, den "Kartoffelmann" dingfest zu machen. Er erstattete dem König Bericht, der ihm einen Orden verlieh und den "Kartoffelmann" sofort in den Kerker werfen ließ wegen "Anleitung zum Kartoffelanbau".

Die Kenntnis über die "echte Kartoffel" und die Schädlichkeit der Plastikkartoffel aber war schon zu weit verbreitet, als dass man es noch hätte kontrollieren können. Die Leute bauten sie weiter an und aßen sie, verkauften sie und boykottierten die Plastikkartoffel. Immer mehr Plastikkartoffelfabriken mussten schließen, und der Perückenmarkt versiegte gänzlich. Schließlich gingen die Leute sogar auf die Straße, forderten "Freie Kartoffelwahl" und "Freiheit für den Kartoffelmann".

Die Forscher aber, die ihr Leben lang an den Ursachen des Haarausfalls geforscht und ja auch etwas herausgefunden hatten (die Gene, die frische Luft, die Schuhe!) waren erst belustigt, dann zusehends empört, dass das Volk ihre anstrengenden lebenslangen Forschungen so über Bord werfen wollte. Sie beschwerten sich beim König. Dieser erließ daraufhin ein Gesetz, dass ausgetretene Schuhe getragen werden mussten, mindestens fünf Stunden täglich an der frischen Luft verbracht werden mussten und Kinder mit Plastikkartoffeln ernährt werden müssen, sonst drohe ein Sorgerechtsentzug.

Die meisten Leute beugten sich zunächst aus Angst. Sie liefen in alten Schuhen, hörten auf zu arbeiten, um genug an der frischen Luft sitzen zu können, ernährten ihre Kinder wieder mit Plastikkartoffeln, und der Einfachheit halber sich selbst auch. Die Haare fielen wieder aus, die Perückenindustrie kam wieder in Gang.

Doch schließlich merkte auch der Letzte den Betrug und es regte sich ein Aufstand. Die Leute gingen mehr und mehr auf die Straße, auf der sie ohnehin per Dekret des Königs den halben Tag herumsitzen mussten. Es gab Massendemonstrationen, die Kartoffelindustrie wurde erneut boykottiert, diesmal völlig, der König wurde angezeigt, mit ihm der findige, nun schwerreiche Untertan.

Seither gibt es wieder die echte Kartoffel im Land und keinen Haarausfall. Die Plastikkartoffel ist noch im Museum für Menschenrechtsverletzungen zu bestaunen.

Der König und der findige Untertan aber, die vor dem Volkszorn Angst bekamen, da es gar keine Gerichte gab im Königreich, flohen in ein Land, überhaupt gar nicht sehr weit von hier.

P.S.: Dass der König und der findige Untertan mehrere Generationen überleben, das ist in Märchen so. Und dies IST ja natürlich ein Märchen! Die mehreren Generationen sind allerdings in der Geschichte gerade vorbei.