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Die treue Tomate - Abschiedsbrief an ein altes Auto




Hey, meine „treue Tomate“ ich möchte dich wenigstens nicht ohne ein angemessenes Abschiedswort ziehen lassen….Mann, neun Jahre haben wir jetzt zusammen verbracht. So lange halten die meisten Ehen und Partnerschaften noch nicht mal. Und wir waren so ein gutes Team…dabei habe ich dich anfangs gar nicht haben wollen. Ich wollte kein rotes Auto. Rot war noch nie meine Farbe und schon gar nicht so ein knalliges wie deins. Ich wollte ein grünes, aber da man mir mein vorheriges Auto zum Totalschaden zerlegt hatte, brauchte ich äußerst dringend wieder einen fahrbaren Untersatz und konnte keine Rücksicht auf Extrawünsche nehmen und so habe ich dich einigermaßen halbherzig mitgenommen. Es war also keine große Leidenschaft am Anfang, sondern eher so etwas wie Liebe auf den zweiten oder dritten Blick. Aber nachdem es einmal gefunkt hatte zwischen uns, waren wir eigentlich unzertrennlich. „Tomate“ habe ich dich liebevoll genannt, wegen deiner Farbe und deiner „Figur“, aber du hast es mir nie übel genommen.

Weißt du, wenn ich nur ein einziges Wort aussuchen dürfte, das dich beschreibt, dann würde ich das Wort „Treue“ wählen. Du hast mich all die Jahre lang nie im Stich gelassen. Warst dabei, als meine Kleine in die Schule kam und hast in der Folge außer ihr noch gefühlte tausend Kinder hin und her kutschiert, zu Besuchen und Ausflügen hier und dort. Meine geliebte alte Tante Maria hat noch auf deinem Beifahrersitz gesessen, als sie noch lebte und wir sie jeden Samstag abgeholt haben. Wir haben unseren Spaß gehabt, wenn wir beide allein unterwegs waren und ich die alten Hits aus meiner Jugend geschmettert habe als wäre ich Deutschlands neuer Superstar. Ich habe Geschenke in dir versteckt, die meine Kleine auf keinen Fall zu früh finden sollte und du hast unzählige Melonen, Bananen, Säcke Kartoffeln und Getränkekisten für mich nach Hause gekarrt. Ich habe mit dir gefühlt, als damals dieser tattrige Opa auf dem Aldi-Parkplatz deine rechte Seite mit einer hübschen Delle „verziert“ hat. Du warst mit uns an der Ostsee und im Erzgebirge und manchmal habe ich Zuflucht in dir gesucht wenn mir Dinge über den Kopf zu wachsen drohten. Sobald ich in dir saß und wir losfuhren, ging es mir immer gleich ein Stück besser. Du hast meine geheimsten Gedanken gehört wenn ich ein Gebet zum Himmel schickte und du hast mein Geschimpfe ertragen wenn mir mal wieder eine lahme Schnecke vor mir den Spaß am Autofahren madig machte.

Inzwischen sind wir beide in die Jahre gekommen. Das Leben hat so manche Macke an uns zurückgelassen und das Eine oder Andere funktioniert nicht mehr so richtig. Da ich leider erstens selbst nicht über die Fähigkeiten verfüge, dich wieder flott zu machen, zweitens nicht über den Platz um dich einfach als eine Art Souvenir zu behalten und drittens leider zu den Leuten gehöre, die wirtschaftlich denken müssen, bleibt mir nun nichts anderes übrig, als mich von dir zu trennen. Dabei hoffe ich inständig, dass es irgendwo da draußen jemanden gibt, der in Punkt 1 etwas auf dem Kasten hat und noch mal das Beste aus dir herausholt – denn dass du nur zu gerne noch mal für jemanden die treue Tomate sein würdest, das weiß ich genau. Ich bete, dass jemand kommt und dich mitnimmt, für den du ebenfalls mehr bist als nur ein Haufen Blechteile.

Danke für deine guten Dienste und die gemeinsamen Jahre. Ich hatte in der Vergangenheit schon schönere Autos als dich, aber du hast mir trotz allem bisher am meisten am Herzen gelegen und wirst immer einen besonderen Platz in meiner Erinnerung behalten. Mir kann niemand erzählen, Autos hätten keine Persönlichkeit! Sie haben eine, genau wie Häuser zum Beispiel. Deine ist schön, gut und treu. Tschüss, Tomate. Ich werd’ dich vermissen.