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Unheimliche Orte – Die Cappella Sansevero in Neapel



Heimische Legenden über die Capella Sansevero, eine kleine Barockkirche in Neapel, besagen, dass die erstaunlichen Kunstwerke, die sie enthält, das Ergebnis von Zauberei und Schwarzer Magie sind. Es erscheint unmöglich, die Skulpturen von Hand zu erschaffen während eine makabre Darstellung von zwei echt aussehenden menschlichen Körpern das Resultat von rituellen Morden sein soll. Zudem ist die Kapelle randvoll mit freimaurerischer Symbolik, was ihre okkulte Aura natürlich noch verstärkt.

Auf den ersten Blick scheint die Cappella Sansevero die typische italienische Kapelle aus dem 17. Jahrhundert zu sein, geschmackvoll dekoriert mit Gemälden und Skulpturen religiöser Art. Doch bei näherem Hinsehen offenbaren die verschiedenen Gegenstände in der kleinen Kirche, dass irgendetwas an diesem Ort “nicht stimmt“. Einige Skulpturen sehen so unglaublich echt naturgetreu aus, dass viele glauben, sie müssen durch einen übernatürlichen Vorgang entstanden sein. Außerdem deutet die rätselhafte Symbolik überall in der Kapelle klar auf eine allegorische, esoterische Botschaft hin.

Und wenn Besucher der Kapelle ein paar Treppenstufen hinunter steigen, sehen sie Folgendes:


In der Kapelle sind zwei tatsächliche menschliche Überreste mit ihrem gesamten Nervensystem ausgestellt. Diese Darstellung trägt den in diesem Zusammenhang gruseligen Titel „Adam und Eva“. Und noch gruseliger ist, dass sie als „anatomische Maschinen“ bezeichnet werden. Dieses bizarre Ausstellungsstück hat zu unzähligen Gerüchten geführt.

Um wirklich zu verstehen, was es mit dieser Kapelle auf sich hat, muss man ihren Erbauer kennen: Raimondo di Sangro, der Fürst von Sansevero. Obwohl er von vielen als brillanter Erfinder und Philosoph betrachtet wurde, glaubten andere, dass er ein grausamer Schwarzmagier war, der Menschen tötete um bizarre Experimente durchzuführen.

Ein Besuch seiner Cappella Sansevero verleiht beiden Ansichten Glaubwürdigkeit, denn sie zeigt sowohl sein ganzes alchemistisches Genie als auch seinen ganzen Wahnsinn. Bevor wir uns die einzelnen bizarren Kunstwerke in der Kapelle ansehen, werfen wir aber noch einen näheren Blick auf den Mann, der das alles initiiert hat.

Raimondo di Sangro, der “Zauberer-Fürst”


Ab dem Alter von 10 Jahren wurde di Sangro in einer Jesuitenschule in Rom ausgebildet. Im Jahr 1730, im Alter von 20 Jahren, kam er nach Neapel zurück und verwendete den Titel “Fürst von Sansevero”. Bald schloss er sich den Rängen okkulter Geheimgesellschaften an.

“Trotz der religiösen Erziehung, die er bei den Jesuiten erfahren hatte, schloss sich der junge Mann schon bald der geheimen Bruderschaft der Rosenkreuzer an, wo er in alte alchemistische Rituale eingeweiht wurde, die so genannte „heilige Kunst“ oder „Königskunst“, die durch die Jahrhunderte von ägyptischen Priestern an ihre Nachfolger weitergegeben wurde. Don Raimondo hatte seine Lebensberufung gefunden. Während er äußerstes Stillschweigen über „seine Brüder“ und die Lehren bewahrte, die er empfing (er hinterließ keinerlei Dokumente über die Aktivitäten der geheimnisvollen Sekte), änderte der Fürst sein Leben radikal und widmete seine gesamte Zeit der Alchemie. Ampullen, Öfen und Schmelztiegel füllten den Keller seines Palastes und nachts konnte man nicht selten seltsame farbige Dämpfe und ekelhafte Gerüche aus den vergitterten Fenstern seines Kellers dringen sehen und riechen. Zu jener Zeit begannen die Neapolitaner, ihn einen Hexenmeister zu nennen.” – Rino Di Stefano, Raimondo de Sangro, the “Sorcerer” Prince

Di Sangro führte die Freimaurerei in seiner Heimatstadt ein als er zum Oberhaupt der Neapoletanischen Freimaurerloge wurde. Diese Tatsache in Verbindung mit seinem Talent zur Darstellung außergewöhnlicher Erfindungen wie beispielsweise einer “ewigen Flamme”, die er aus einer chemischen Mischung und menschlichen Schädelknochen machte, trug natürlich zum Wachstum der Legende bei, die Di Sangro umgibt.

“Fürst Raimondo di Sangro war als exzentrischer, rätselhafter und mystischer Mann bekannt. Er war das Oberhaupt der Neapolitanischen Freimaurerloge, deren Symbole in der gesamten Kapelle verstreut sind und er war ein Stundet zahlreicher Bereiche der Wissenschaften sowie der Alchemie und anderer mystischer Disziplinen. Er sprach auch mehrere exotische Sprachen wie Hebräisch und Arabisch und galt als Erfinder. Einige seiner Erfindungen waren ziemlich bizarrer Natur, wie beispielsweise eine mechanische Kutsche mit Holzpferden, von der es hieß, dass sie sowohl zu Land als auch zu Wasser reisen könne. Diese exzentrischen Eigenschaften führten dazu, dass dem Fürsten der Ruf anhaftete, er praktiziere Hexerei und Schwarze Magie und Gerüchten zufolge habe er teuflische magische Rituale praktiziert sowie Menschenopfer und Flüche. Es hieß auch, er sei in der Lage, gewaltige alchemistische Meisterleistungen zu vollführen wie aus Wasser oder Luft Blut zu machen und er nutze die verschiedenen Körperteile seiner Opfer während seiner widerwärtigen Zauberformeln und mische sie in seine Zaubertränke. Berichten zufolge schloss sich der Fürst oft tagelang ein und führte irrsinnige Experimente mit Menschen durch, wie das Reanimieren von Toten. Diese finsteren Gerüchte und Legenden, die sich um den Fürsten rankten, machten ihn zu einem Mann, den man fürchtete und mied, zu einem überlebensgroßen Schwarzmagier, der seinem Willen entsprechend magische sowie natürliche Mächte beugen konnte. Der Fürst selbst unternahm wenig um diese Gerüchte zu leugnen und man denkt, dass er sie sogar unterstützt hat.” – Brent Swancer, The Bizarre Anatomical Machines of Italy

Eines von Di Sangro’s vielen “Hobbies” war Bel Canto, was übersetzt “Schönes Singen” bedeutet. Klingt gut, oder? Wer mag schließlich keinen schönen Gesang?

Doch für Di Sangro bedeutete “Bel Canto”, verarmten Eltern kleine Jungen abzukaufen, sie zu kastrieren und sie dann zum Singen zu zwingen.

“Obwohl er mit den Freuden des Familienlebens vertraut war und selbst Kinder hatte (…), genoss es der Fürst, seine vielen Ländereien zu durchstreifen und nach kleinen Jungen mit wunderschönen Stimmen Ausschau zu halten. Gewöhnlich fand er sie in den Kirchenchören. Dann “kaufte” er sie ihren Eltern (meist arme, ungebildete Bauern, die viele Kinder hatten) ab und ließ seinen persönlichen Arzt, Don Giuseppe Salerno, diese Jungen kastrieren. Danach schloss er sie in der so genannten „Musikhochschule der Armen Jesu Christi“ in Neapel ein, wo diese Jungen ihre Karriere als „Sopranisten“ begannen.

Er sah in den Kastraten eine Suche nach Perfektion, die nach Auffassung der Rosenkreuzer aus “dem Annullieren des Dualismus resultiert, der durch Trennung kommt, aus einer Rückkehr zum ursprünglichen androgynen Wesen.“
– Ebd.

Mit wachsendem Ruf von Di Sangro und als seine Schriften immer bekannter wurden, gewann er mächtige Freunde und schaffte sich ebenso mächtige Feinde. Seine Verstrickung in die Freimaurerei führte dazu, dass seine Schriften verboten wurden und dass er von der katholischen Kirche exkommuniziert wurde.

Er verbrachte die späteren Jahre seines Lebens damit, die Cappella Sansevero zu dekorieren und verwandelte diesen kleinen Ort in eine grandiose Darstellung des “alchemistischen und freimaurerischen Wegs zur Erleuchtung”.

Ein mysteriöser, okkulter Tempel


Bereits bevor sie durch Raimondo di Sangro verändert wurde, war die Cappella Sansevero das Objekt bizarrer Gerüchte gewesen. Es hieß, sie sei auf dem Fundament eines alten Tempels der Isis gebaut worden und um diese Tatsache zu belegen, weisen Ortsansässige auf eine massive Statue des Nilgottes - nur einen Katzensprung von Di Sangros Wohnhaus entfernt - hin.


Die Statue des Nilgottes in Neapel

Die ganze unheimliche Geschichte wird noch durch den Faktor verstärkt, dass der Palazzo Sansevero am Ende des 16. Jahrhunderts die Szene eines brutalen Mordes wurde als der Komponist Carlo Gesualdo seine Frau und ihren Liebhaber in flagranti erwischte und beide in ihrem Bett zerhackte. Bis zum Jahr 1888 gab es einen direkten kleinen Verbindungsweg zwischen dem Palazzo Sansevero und der Cappella Sansevero.

Allerdings wurde die Cappella Sansevero erst zu einer Attraktion nachdem Raimondo di Sangro sie in ein alchemistisches Projekt verwandelt hatte, insbesondere in okkulten Kreisen. Neben der rätselhaften “verborgenen Botschaft” der Kapelle sind es die Kunstwerke, die den Besucher in Erstaunen versetzen. Sie scheinen es kühn zu verkünden: „Ich war ein Okkultist und hier seht ihr, was ich machen konnte.“

Die Kunstwerke in der Cappella Sansevero sind in der Tat einzigartig, beeindruckend und verstörend und zwingen den Besucher, sich zu fragen: „Wie hat er das gemacht?“ Und wenn man den esoterischen und alchemistischen Hintergrund des Fürsten kennt, dass führt die Betrachtung der Ausstellungsstücke unweigerlich zu der Frage: “Ist das durch einen okkulten Prozess entstanden?”

Das am stärksten fesselnde Beispiel hierfür ist der Verhüllte Christus. Diese Skulptur von Christus befindet sich in der Mitte der Kapelle und ist von einem dünnen Schleier bedeckt. Wie kann diese Skulptur aus Marmor nur Mit einem Meißel aus einem Steinblock gehauen worden sein? Der Schleier ist einfach…zu echt.


Der Verhüllte Christus

“Von Raimondo di Sangro in Auftrag gegeben und im Jahr 1753 von Giuseppe Sanmartino fertig gestellt, stellt sie den bestatteten Leichnam von Christus nach der Kreuzigung dar, bedeckt mit einem transparenten Schleier. Dieser Schleier ist von einer derartigen Feinheit, dass er das Auge täuscht und für echt erachtet wird. Der Effekt den es hat, wenn man diese Skulptur persönlich gesehen hat, ist wahrhaft beeindruckend: man hat den Eindruck, dass der echte Körper unter diesem Schleier liegt und dass man ihn leicht fassen und hochheben könnte.

Es ist gerade die außerordentliche Kunstfertigkeit, die Sanmartino bei der Herstellung des Schleiers an den Tag gelegt hat, die eine spezielle Legende um diese Christus-Skulptur lebendig erhält und von Zeit zu Zeit selbst Fachmagazine und ansonsten untadelige Webseiten zum Thema Kunst zum Narren hält.

Diese Legende besagt, dass Fürst Raimondo di Sangro, der das Werk in Auftrag gab, den Schleier tatsächlich selbst herstellte und ihn dann über die von Sanmartino gemeißelte, fertige Skulptur legte, woraufhin er ihn durch eine von ihm selbst erfundene alchemistische Methode versteinerte; daher komme der phänomenale Fall des Stoffes und die Transparenz des Gewebes.”
– Bizarrobazar, The Mystery of Chapel Sansevero

Jahrhunderte lang waren sowohl diese Skulptur als auch andere in der Kapelle von einer “schwarzen Legende” umgeben, die besagte, der Fürst habe einen geheimnisvollen alchemistischen Prozess angewandt um ein über die Skulptur gelegtes feines Tuch in Marmor zu verwandeln.


Der Verhüllte Christus von oben

Einige Beobachter haben an dieser Skulptur noch ein weiteres, verstörendes Detail bemerkt: Christus scheint immer noch zu atmen.

“Es mag noch eine weitere kleine “Anomalie” am diesem Verhüllten Christus geben, denn da befindet sich eine ganz feine Einkerbung über dem Nasenloch, als werde der Schleier vom Einatmen angesaugt – lebt dieser „tote Jesus”? Hat di Sangro geglaubt, dass Jesus am Kreuz nicht gestorben ist? Falls ja, dann war er vielleicht nicht nur ein Freimaurer, sondern Mitglied eines anderen, noch viel mysteriöseren Geheimbundes?

Jesus ist aus seinem Grab verschwunden – doch da ist er nicht der Einzige. Der Grabstein des Fürsten ist in der Kapelle auch noch zu sehen. Er starb am 22. März 1771 „an einer plötzlichen Krankheit, die durch seine mechanischen Experimente ausgelöst wurde.“ Während der langen Nächte, die er in seinem Labor verbrachte, hatte er wahrscheinlich irgendeine toxische Substanz eingeatmet oder eingenommen, was dieses Mal tödlich ausging. Sein Sarkophag enthält jedoch nicht seinen Leichnam; jemand hat ihn gestohlen. Wann oder warum ist nicht bekannt.

Raimondo hatte in der Kapelle eine Gedenktafel anbringen lassen, auf der es heißt, dass die Person, die diese Werke in Auftrag gegeben hat (d. h. er selbst), es aus dem Verlangen heraus tat, „zu erstaunen, zu entdecken und zu lehren”.
– Phillip Coppens, The Alchemical Chapel

Zur Linken des Verhüllten Christus befindet sich
Die Unbeflecktheit – eine Skulptur, die nach di Sangro’s Mutter modelliert ist, deren Name Cecilia Caetani d’Aragona war. Die nackte Frau ist von Kopf bis Fuß von einem dünnen Schleier bedeckt, der ihre Konturen in allen Einzelheiten offenbart. Auch dieses Kunstwerk ist wieder eine wahrhaft „übernatürliche“ Meisterleistung von Skulptur. Wie kann man durch Marmor diesen Effekt erzielen?


Die Unbeflecktheit


Nahaufnahme

“Die Unbeflecktheit (La Pudicizia) von Corradini, deren Drapierung die weibliche Figur wie ein durchsichtiger Schleier einhüllt, ist ein weiteres “Rätsel” der Bildhauertechnik. Der Stein scheint förmlich sein Gewicht verloren zu haben, er scheint ätherisch geworden zu sein und fast zu schweben. Stellen Sie sich vor, wie der Künstler sein Werk mit einem quadratischen Marmorblock begonnen hat, wie er vor seinem inneren Auge schon diese Figur darin “sah” und wie der dann geduldig alles entfernte, was nicht zu dieser Figur gehörte, wie er nach und nach die Figur von dem Stein befreite, dann die Oberfläche glättete, verfeinerte und jede Falte ihres Schleiers meißelte.” – Op. Cit, Bizarrobazar.

Obwohl die Statue nach der Mutter von di Sangro modelliert war, ist se eindeutig ein Tribut an die wichtigste Frau in der Freimaurerei: die verschleierte Isis.

“Die verschleierte Frau kann als eine Allegorie für Weisheit interpretiert werden und als Hinweis auf die verschleierte Isis, diese spezielle Gottheit der Wissenschaft der Einweihung.” – Made in South Italy, The Alchemist Chapel

In der okkulten Symbolik ist die verschleierte Isis in der Tat die ultimative Repräsentation der okkulten Mysterien, wo die Wahrheit dem Uneingeweihten bis zur wahren, esoterischen Einweihung verhüllt bleibt.

“Die Mysterien der Hermetik, die großen spirituellen Wahrheiten, die der Welt durch ihre Unwissenheit verborgen sind und die Schlüssel der Geheimlehren der alten Philosophen werden alle durch die Jungfrau Isis symbolisiert. Von Kopf bis Fuß verschleiert, offenbart sie ihre Weisheit nur den wenigen Erprobten und Eingeweihten, die sich das Recht verdient haben, in ihre heilige Gegenwart zu treten, ihr den Schleier der Undeutlichkeit herunter zu reißen und von Angesicht zu Angesicht der göttlichen Realität gegenüber zu stehen. (…)

Für den modernen Suchenden ist sie der Inbegriff des Großen Unbekannten und nur diejenigen, die sie enthüllen, werden in der Lage sein, die Geheimnisse des Lebens und des Todes, der Erschaffung und der Erneuerung zu lösen.”
– Manly P. Hall, The Secret Teachings of All Ages

Ortsansässige behaupten, dass
Die Unbeflecktheit genau an dem Platz steht, wo einst eine Statue von Isis stand, als die Kapelle noch ein Tempel der Isis war.

Direkt gegenüber von
Die Unbeflecktheit steht Ernüchterung, eine weitere verblüffende Skulptur voller tiefgründiger Symbolik. Nach dem Vater des Fürsten Antonio di Sangro modelliert, stellt sie einen Mann dar, der versucht, sich aus einem Netz zu befreien, wobei ihm ein geflügelter Junge hilft.


Die Ernüchterung von Francesco Queirolo


Nahaufnahme

Und erneut ist auch diese Skulptur von einem Geheimnis umgeben: Wie kann ein Netz bildhauerisch über einem darunter befindlichen, scheinbar zuvor bereits fertig modellierten Körper gestaltet werden? Wurde ein alchemistischer Prozess angewandt um dieses erstaunliche Ergebnis zu erzielen?

Ganz ähnlich wie
Die Unbeflecktheit ist auch diese Skulptur eine sinnbildliche Darstellung eines fundamentalen Konzepts der Freimaurer: Die Befreiung des Menschen mit Hilfe des Verstandes.

“Ihre sinnbildliche Bedeutung ist, dass der Mensch darauf bedacht ist, sich mit Hilfe des Verstandes (der Junge) von falschen Überzeugungen (dem Netz) zu befreien.” – Rino Di Stefano, “San Severo”

Obwohl es noch etliche andere Skulpturen in der Kapelle gibt, stechen die drei bisher beschriebenen eindeutig hervor und sind mit ihren mysteriösen Merkmalen verbunden. Außerdem bilden diese drei Skulpturen ein „esoterisches Dreieck“.
Die Unbeflecktheit zur Linken repräsentiert das weibliche Prinzip, die Ernüchterung zur Rechten stellt das männliche Prinzip dar und der Verhüllte Christus in der Mitte repräsentiert den „vollendeten Menschen“ und auf diese Weise stellen diese drei Skulpturen das grundlegendste hermetische Prinzip dar: Dualität, die miteinander verschmilzt um ein vollkommenes Wesen zu erzeugen.

In okkulten Kreisen wird dieses Konzept durch Isis und Osiris personifiziert, die Horus zeugen – das vollkommene Wesen.
In meinem Artikel über Sirius erkläre ich:

“Um Perfektion zu erreichen, muss der Eingeweihte die duale Natur der Welt (gut und böse; männlich und weiblich; schwarz und weiß usw.) durch alchemistische Metamorphose erfolgreich verstehen und verinnerlichen. Dieses Konzept wird symbolisch durch die Vereinigung von Osiris und Isis (die männlichen und weiblichen Prinzipien) dargestellt, um Horus, das Sternenkind, die Christus-ähnliche Figur, den vollkommenen Mann der Freimaurerei, zu gebären - der mit dem lodernden Stern gleichgesetzt wird."

Der ursprüngliche Fußboden der Kapelle spiegelt dieses Konzept der Dualität und der esoterischen Einweihung ebenfalls auf krasse Weise wieder.


Der Original-Fußboden der Kapelle bevor er 1909 verändert wurde

Der ursprüngliche Fußboden war Schwarz und Weiß, was Dualität und die Vereinigung gegensätzlicher Mächte repräsentieren soll, ganz ähnlich wie die Böden im schwarz-weißen Schachbrettmuster in allen Freimaurerlogen. Das verschachtelte, dreidimensionale Design stellt ein Labyrinth dar – ein Symbol der Freimaurer für Einweihung.

“Labyrinthe und Irrgärten waren unter vielen Kulten des Altertums bevorzugte Orte für Einweihungen. Überreste dieser erstaunlichen Irrgärten fand man unter den amerikanischen Indianern, Hindus, Persern, Ägyptern und Griechen. (…) Das berühmte Labyrinth von Kreta, in dem der stierköpfige Minotaurus umherstreifte, war fraglos ein Ort der Einweihung in die kretischen Mysterien.

Labyrinthe standen symbolisch für die Verstrickungen und Illusionen der unteren Welt, durch die die Seele des Menschen auf der Suche nach der Wahrheit wandert.”
– Hall, op. cit.

So wie sich in der Dualität Schwarz und Weiß einander gegenüber stehen, so stehen die außergewöhnlichen, oben beschriebenen Kunstwerke einer morbiden und unheilvollen Darstellung gegenüber: den Anatomischen Maschinen.

Adam und Eva


Die beiden “Anatomischen Maschinen”

“Was um alles in der Welt soll denn das sein?“, mag man sich fragen. Nun, es ist genau das, wovon man hofft, dass es das nicht ist. Und vielleicht ist es sogar noch schlimmer. Dieses Ausstellungsstück besteht aus zwei echten Skeletten eines erwachsenen Mannes und einer schwangeren Frau. Ihr gesamtes Nervensystem ist offen gelegt und die Arterien sind rot gefärbt während die Venen blau gefärbt sind. Der Fötus der schwangeren Frau war ursprünglich ebenfalls Teil der Darstellung, ist jedoch auf mysteriöse Weise verschwunden.


Die makabre Darstellung

Wie hat Raimondo di Sangro das Nervensystem dieser menschlichen Überreste erhalten können? Nun, das ist ein Geheimnis, das weiterhin ein Geheimnis bleiben wird. Und auch hier wieder sind diese “Anatomischen Maschinen” von einer „dunklen Legende“ umgeben.

Es ging in der Tat das Gerücht um, dass “Adam und Eva” einst zwei Dienstboten von Di Sangro waren, denen er eine Substanz injizierte, die ihr Nervensystem kristallisierte – und sie dabei tötete. Hier ein dramatischer Bericht der Legende:

“Der Fürst rührt wie ein Hexenmeister die Zubereitung in einem großen Kessel um. Schließlich findet die lang erwartete Reaktion statt: eine geheimnisvolle Flüssigkeit ist bereit. An der anderen Seite des Raumes können die beiden gefesselten und geknebelten Dienstboten nicht einmal mehr schreien. Der Mann schluchzt während die Frau, obwohl bewegungsunfähig, wachsam bleibt — vielleicht hindert sie das neue Leben, das sie in ihrem Mutterleib trägt, daran, der Angst nachzugeben und verlangt eine bereits unmöglich gewordene Verteidigung. Der Fürst hat nicht viel Zeit, er muss schnell handeln. Er schüttet die Flüssigkeit durch eine seltsame Pumpe und dann nähert er sich seinen Opfern: in ihren Augen sieht er einen unaussprechlichen Schrecken. Er beginnt mit dem Mann, durchsticht die Halsvene und injiziert die Flüssigkeit mit einer Spritze direkt in den Blutkreislauf. Das Herz wird die Zubereitung nun im gesamten Körper verteilen und der Fürst beobachtet das von Todesangst gezeichnete Gesicht des Mannes während das verdichtete Gift zu zirkulieren beginnt. Da, es ist vollbracht: der Diener ist tot. Es wird noch zwei bis drei Stunden dauern bis die Mischung sich verfestigt und sicher noch mehr als einen Monat bis das verrottete Fleisch vom Skelett fallen wird und das Netzwerk an Venen, Arterien und Kapillaren sichtbar wird, das der Prozess in Marmor verwandelt hat. Jetzt ist die Frau an der Reihe.” – bizzarrobazar, The mysteries of Sansevero Chapel

Kürzlich durchgeführte Studien behaupten, dass Di Sangro das Nervensystem dieser beiden Körper unter Verwendung von Kabeln, Drähten und Bienenwachs nachgebildet hat. Doch solch ein komplexes System manuell mit Drähten und Kabeln nachzubauen ist ein fast unmögliches Unterfangen.

“Diese beiden Skelette sind mit einem komplexen, verflochtenen Netzwerk aus Metalldrähten und verhärteten Arterien und Venen überzogen, die das Blutgefäßsystem, die inneren Organe und die Muskulatur eines Menschen mit erstaunlicher und penibler Genauigkeit abbilden. Die Schädel der beiden Figuren sind aufklappbar und können geöffnet werden um innen ein unglaublich detailliertes Spinnennetz an Blutgefäßen zu offenbaren. Nach ihrer Enthüllung waren die verstörenden Modelle derart mystifizierend und grotesk, dass man glaubte, der düstere Fürst habe tatsächlich seine Schwarze Magie und Alchemie an einigen seiner aufsässigen Diener ausgelassen um sie in diese Abscheulichkeiten zu verwandeln.

Egal ob sie nun das Ergebnis von Schwarzer Magie sind oder nicht, Adam und Eva repräsentieren eine ganze Reihe sehr realer Mysterien und nicht das Geringste von ihnen ist, wie sie denn nun überhaupt entstanden sind. Jahrelang war die Methode der Herstellung eine Quelle der Verblüffung unter Wissenschaftlern und Doktoren. Waren die verworrenen und verhärteten Kreislaufsysteme echt und falls ja, wie konnten sie über 200 Jahre lang so bemerkenswert gut erhalten bleiben? Waren sie künstlich? Falls ja, wie konnten sie so naturgetreu nachgebildet werden? Da es so gut wie keine Dokumentationen über die ursprüngliche Schaffung der Anatomischen Maschinen gibt, waren dies Fragen, deren Beantwortung lange schwer fassbar blieb. Die Haupttheorie war, dass die beiden Anatomischen Maschinen durch einen Prozess entstanden, den man als Plastizierung oder “menschliche Metallisierung” bezeichnet und der erfordert, dass Substanzen direkt in das Kreislaufsystem der noch lebenden Opfer injiziert werden, woraufhin diese Materialien durch die Blutgefäße wandern und verhärten und dabei das unglückselige Opfer schmerzvoll töten. Doch niemand weiß es genau.”
– Op Cit. Swancer

Wie auch immer es gewesen sein mag, diese Anatomischen Maschinen sind nicht einfach nur da um die Besucher der Kapelle zu erschrecken. Es heißt, dass sie auch einem symbolischen Zweck dienen in diesem alchemistischen „großartigen Werk“ der Kapelle an sich.

Aufgrund verschiedener Hinweise geht man davon aus, dass die
Anatomischen Maschinen das letzte Stadium des alchemistischen Prozesses darstellen, den man „Rubedo“ nennt – die Rötung – symbolisiert durch einen roten Phönix, der aus seiner Asche aufsteigt. Interessanter Fakt in dem Zusammenhang: die “Maschinen” waren ursprünglich in einem Raum ausgestellt, der den Namen “Der Phönix” trägt.

“...die ursprüngliche Platzierung der “Anatomischen Maschinen” im Phönix-Gemach auf einer sich drehenden Plattform sieht ganz nach einer symbolischen Wahl aus: vielleicht hat Raimondo di Sangro sie als eine Darstellung des „Rubedo“ betrachtet, eines Stadiums auf der Suche nach dem Stein der Weisen, in welchem Materie sich selbst neu zusammensetzt und damit Unsterblichkeit garantiert.” – Op. Cit., bizzarrobazar

Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass die Kapelle geheimnisumwoben ist. Das wird durch die Tatsache noch verstärkt, dass Di Sangro sein eigenes wissenschaftliches Archiv vernichtete bevor er starb. Dann, nach seinem Tod, unter Androhung der Exkommunizierung seitens der Kirche aufgrund seiner Verstrickung in Freimaurerei und Alchemie, zerstörten seine Nachkommen was von seinen Schriften, Formeln, seiner Laborausstattung und den Ergebnissen seiner Experimente noch übrig war. Geblieben ist nichts als kaum verhüllte Symbolik.

Fazit

Dem Ebenbild ihres Schöpfers ähnlich, ist die Cappella Sansevero dreist und unverfroren. Sie ist eine Feier des esoterischen Pfades und ein Vorzeigeprojekt für das alchemistische Können eines enthusiastischen Okkultisten. Obwohl der Begriff “okkult” wörtlich “vor der Öffentlichkeit verborgen” bedeutet, verbrachte Raimondo di Sangro sein Leben damit, seine Interessen und Entdeckungen publik zu machen und kaum einen Schleier über die wahre Natur seiner Experimente zu legen.

Die Kapelle ist daher einer dieser seltenen Fälle, in denen man “Magie” geradeheraus sehen kann. Während die außergewöhnlichen Kunstwerke der Kapelle eine Feier des Lebens, der Schönheit und der Spiritualität sind, feiert die morbide Bearbeitung der oben beschriebenen Leichen den Tod, Verfall und das Grauenvolle. Kurz gesagt: ganz ähnlich wie der schwarz-weiße Fußboden, der diesen okkulten Tempel zu zieren pflegte, repräsentiert die Cappella Sansevero visuell das dualistische Wesen des Universums und somit auch das dualistische Wesen des Menschen. Sobald diese dualistischen Kräfte vereint werden und die Dualität aufgelöst wird, soll angeblich Vollkommenheit erlangt werden. Um das zu erreichen darf man sich nicht scheuen, zum Himmel hinauf zu schauen – und in die Tiefen der Hölle zu starren.

Nach dem Originalartikel auf der Internetseite: https://vigilantcitizen.com/category/sinistersites/